Amtsmüde ist der Papst nicht. Trotz der langen Rekonvaleszenz, die ihm nach der beidseitigen Lungenentzündung bevorsteht, will Franziskus nicht zurücktreten.
Die nach seiner Entlassung aus dem Spital begonnene, neue Phase einer Pontifikats wird eine Herausforderung für ihn sein. Um trotz angeschlagener Gesundheit weitermachen zu können, muss das 88-jährige Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche verstärkt auf Vertrauensleute setzen, die mit ihm die Weltkirche regieren.
Während der 38 Tage, in denen der Papst in der Klinik lag, haben Kardinäle anstelle des Papstes an wichtigen Zeremonien teilgenommen - allen voran Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin, der inzwischen zum international beinahe allgegenwärtigen Repräsentanten des Vatikan geworden ist. Der 70-jährige Parolin ist seit bald elf Jahren die "rechte Hand" des Papstes und eine wahre Stütze des Pontifikats. Der als moderat geltende Norditaliener kennt die Kirche und den Vatikan wie niemand sonst. Er steht für eine Kontinuität des Franziskus-Kurses. Erwartet wird, dass er in dieser heiklen Phase des Pontifikats noch mehr Gewicht im Vatikan bekommt.
Parolin könnte am Ostersonntag den Segen "Urbi et Orbi" erteilen
Am Ostersonntag könnte Parolin stellvertretend für den Papst den Segen "Urbi et Orbi" erteilen. Dieser ist nach katholischer Lehre mit einem vollkommenen Sündenerlass verbunden. Es wäre das erste Mal in der jüngeren Kirchengeschichte, dass dieser seit dem 14. Jahrhundert praktizierte Segen des Papstes von einem anderen Geistlichen als dem Papst selbst erteilt wird.
Erwartet wird, dass die ganz auf Franziskus' Linie liegenden Kardinäle mehr Verantwortung und Eigeninitiative entwickeln, um das Pontifikat vor einem längeren Beinahe-Stillstand zu bewahren. Zu den engsten Vertrauten des Papstes zählt sein argentinischer Landsmann Victor Fernandez (62). Als Leiter der Glaubensbehörde verfasste er das hochumstrittene Papier für die Segnung Homosexueller, das vor allem in Afrika massiven Widerspruch nach sich zog. Beim Verlesen der Papst-Texte und bei manchen Reisen wird erwartet, dass Fernandez Franziskus vertreten wird.
Ganz auf Franziskus-Kurs liegt auch der maltesische Kardinal Mario Grech (67). Der Generalsekretär der Synode der Bischöfe und ehemalige Bischof von Gozo ist für seine theologische Expertise bekannt. Unter seiner Leitung will Papst Franziskus einen neuen, dreijährigen Prozess zur Prüfung von Reformen der Weltkirche anstoßen.
Kardinalsrat könnte mehr Gewicht bekommen
In der neuen Phase seines Pontifikats wird der Papst sich verstärkt auch auf den sogenannten K9-Kardinalsrat stützen müssen, der ihn bei der Leitung der Weltkirche und bei der Kurienreform berät. Dem Gremium gehören neun Kardinäle an. Mitglieder des Rates sind neben Parolin folgende Purpurträger: Jean-Claude Hollerich, Erzbischof von Luxemburg; Juan Jose Omella Omella, Metropolitanerzbischof von Barcelona; Gerald Lacroix, Erzbischof von Quebec; Sergio Da Rocha, Metropolitan-Erzbischof von São Salvador da Bahia (Brasilien) sowie Kardinal Fridolin Ambongo Besungu aus der Demokratischen Republik Kongo. Weitere drei bisherige Mitglieder des Kardinalrats haben inzwischen ihren Posten verloren, weil sie über 80 Jahre alt sind - ihre Stellen müssen nachbesetzt werden.
Der Papst wird sich auch immer mehr auf seine Privatsekretäre verlassen müssen. Dabei handelt es sich um den süditalienischen Priester Fabio Salerno und um den Argentinier Juan Cruz Villalon, den der Papst 2011 während seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires zum Priester geweiht hatte. Beide leben im selben Stockwerk in der vatikanischen Residenz Santa Marta, in dem auch der Papst wohnt.
Villalon ist seit der schweren Erkrankung Franziskus' permanent an der Seite des Papstes. Er war es, der ihn begleitete, als er am 24. Dezember im Rollstuhl die Heilige Pforte des Petersdoms zum laufenden Heiligen Jahr öffnete. Und er war es, der im zehnten Stock des Gemelli-Krankenhauses immer anwesend war und die Privatsphäre von Papst Franziskus schützte. Während der weiteren Erholung des Papstes dürfte er noch mehr Bedeutung erlangen.